Artikel in der Waiblinger Kreiszeitung zur 400. Montagsdemo gegen S21

Stuttgart 21 Die Besserwisser hatten Recht
Peter Schwarz, 11.01.2018
Foto: Alexandra PalmiziWaiblingen.

„Man hat einen Mercedes bestellt, einen Rolls Royce bezahlt und kriegt einen Fiat
500“: So lässt sich Stuttgart 21 zusammenfassen, finden die Tiefbahnhofsgegner
Klaus Riedel, Eberhard Kögel, Ernst Delle und Hanspeter Ruff. Ein
schwarzhumoriges Gespräch mit dem knurrigen Quartett vor der 400.
Montagsdemo kommende Woche.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, Stuttgart 21 wird 2,8 Milliarden Euro kosten, „eine
Kostenexplosion schließe ich zu 99 Prozent aus“: Dies sagte
Landesverkehrsminister Stefan Mappus, CDU, im September 2004.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, die Gegner von Stuttgart 21 liegen „mit ihrer
Kostenschätzung ganz offensichtlich falsch, es sind keine Überraschungen mehr zu
befürchten“: Dies sagte Wolfgang Drexler, SPD, im August 2008 (wobei er da
bereits von 4,5 Milliarden ausging).
Liebe Bürgerinnen und Bürger, die 4,5 Milliarden reichen, und „wer was anderes
behauptet, lügt“: Dies sagte Nicole Razavi, verkehrspolitische Sprecherin der CDULandtagsfraktion,
im September 2011.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, „wir können gut schlafen und werden mit dem Geld
mehr als auskommen“: Dies sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer, CSU,
im November 2011.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, „haben die alle gelogen“ oder echt allen Ernstes
„geglaubt“, was sie da an Blauem vom Himmel in die Baugrube runterfabulierten?
Dies fragt Eberhard Kögel im Januar 2018.
Kögel verwettet sein Eigenheim – wer setzt sein Häusle dagegen?
Die aktuelle Schätzung liegt bei 7,6 Milliarden – und Kögel macht ein Angebot: „Ich
verwette mein Eigenheim, dass es nicht dabei bleibt.“ Wer setzt sein Häusle
dagegen? S-21-Befürworter, bitte melden: „Paal? Klopfer? Hesky? Haußmann?“
Oder Tiefbahnhofs-Architekt Christoph Ingenhoven? Ach nein, der nicht – er hat ja
selber erst neulich im „Spiegel“-Interview eingeräumt, er rechne mit zehn Milliarden.
Nun gut, ließe sich einwenden, das ist ja längst nichts Neues mehr. Und dass die
Buddelbahn nicht 2020 fertig wird, wie es noch vor fünf Jahren in den
Weissagungen der Nostradamus-Abteilung bei der Bahn hieß, sondern nun
angeblich Ende 2024 (was Kögel ebenfalls unter Einsatz seines Obdachs
anzuzweifeln bereit ist) – Schwamm drüber. Es gibt daneben aber noch ein drittes
großes Versprechen, das wichtigste von allen: Dank Stuttgart 21 wird der
Zugverkehr viel besser! 100 Fernzüge pro Tag werden in einem Affenzahn zum
Flughafen hochsausen, super! „Durchbindungen“ wird es geben, das heißt, man
kann dann zum Beispiel ohne Umstieg von Waiblingen nach Tübingen flitzen,
genial!
Fahrplantechnisch werden die Durchbindungen problematisch
Allein, dieser Tage mehren sich die Hinweise aus dem Bahn-Umfeld: Das mit den
Durchbindungen werde fahrplantechnisch womöglich doch ein bisschen arg
schwierig werden, und statt hundert Fernzügen zum Flughafen planen wir mit … gib
mir ein S, gib mir ein E, gib mir ein C, gib mir ein H, gib mir ein S, und das macht:
sechs.
Viele nennen Stuttgart 21 mittlerweile in einem Atemzug mit der Elbphilharmonie –
der Vergleich hinkt gewaltig, widersprechen Riedel & Co. Sicher, der Hamburger
Bau dauerte auch länger und kostete mehr, aber „die Menschen haben was von
dem Ding. Sie gehen in Konzerte, freuen sich am Anblick.“ In Stuttgart werde was
gebohrt, „das nur Probleme schafft. Man hat einen Mercedes bestellt, einen Rolls
Royce bezahlt und kriegt einen Fiat 500 mit Heckspoiler – das sind die
Kelchspitzen“, die architektonisch tatsächlich recht hübschen Tragekonstruktionen
fürs Kellerdach.
Das Gegenkonzept heißt „Umstieg 21“
Jahr um Jahr wurden alle Warner „ignoriert, diffamiert, lächerlich gemacht“ als
Schwarzmaler, Apokalyptiker, Wutbürger, Schwätzer, Besserwisser; und als „ewige
Neinsager“ – was Riedel besonders erbost. Längst nämlich hat sich die Anti-S-21-
Bewegung ein enormes Expertenwissen draufgeschafft, Ingenieure, Juristen,
Verkehrsplaner wirken in der Szene mit, sie haben ein detailliertes Gegenkonzept
namens „Umstieg 21“ vorgelegt, das rund um einen modifizierten Kopfbahnhof zu
deutlich verbesserten Zugverbindungen führen soll. „Das würde auch Jahre dauern
und viel Geld kosten“, aber „es wäre nach wie vor billiger, umzusteigen, als
weiterzumachen“.
Jeder muss sich selbst Rechenschaft geben
Jetzt „muss jeder politisch Verantwortliche sich selber Rechenschaft geben über
das, was er früher gesagt hat“: Wer von all denen, die dieses Projekt einst als
bestgeplantes zwischen Paris und Bratislava heiliggesprochen haben, wer von all
den Drexlers und Ramsauers „sagt als Erster, es war ein Fehler“, wer von all den
Klopfers und Heskys räumt als Erster ein, ich war naiv, hab mich geirrt, mich
blenden und hinters Licht führen lassen, wer fordert als Erster, „wir brauchen ein
Moratorium, wir müssen neu nachdenken“? Kögel ahnt die Antwort: „Es getraut sich
kein Einziger.“
Der Widerstand macht weiter
Sicher ist nur: „Der Widerstand macht weiter, fröhlich und heiter.“ Und wenn die
Leute fragen, wie man all die bereits gebohrten Tunnel wirklich sinnvoll nutzen
könnte, antwortet Hanspeter Ruff: „Eine Champignonzucht würde reinpassen“; und
da Joachim Pfeiffer ja bekanntlich „für die Freigabe von Cannabis“ ist, „kriegt er da
unten auch einen Kilometer zum Anbau“.
Liebe Bürgerinnen und Bürger, „das Projekt war von Anfang an nicht lebensfähig.
Abgesehen von den kaum überwindbaren Bauschwierigkeiten wären die einzelnen
Teile der Bahnhofsanlage unzureichend geworden.“ Dies sagte Baurat Prof. Kübler
im Oktober 1905, als die Idee eines Durchgangsbahnhofes in Stuttgart erstmals
machtvoll propagiert und schließlich doch noch verworfen worden war. Geplant
waren damals elf Gleise. Stuttgart 21 hat acht.
Die Demo
„Sie lügen, wir demonstrieren – gegen S 21, den unsäglichen Klotz am
Bein des Zugverkehrs“:
Unter diesem Motto steht die 400. Montagsdemo am 15. Januar um 18
Uhr am Hauptbahnhof.
Redner: der Regisseur Volker Lösch, der Wortkünstler Timo Brunke, der Autor
Winfried Wolf und die Kabarettistin Christine Prayon. Moderation: Angelika
Linckh. Musik: Chain of Fools.
Die erste Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 fand am 26. Oktober 2009
statt, seitdem treffen sich die Tiefbahnhofsgegner an beinahe jedem
Montagabend (Ausnahme: Feiertage, die auf einen Montag fallen). Beim ersten
Mal waren vier Teilnehmer dabei, später waren es phasenweise Tausende,
zuletzt regelmäßig Hunderte. Wikipedia schreibt: „Die Ausdauer und Intensität
des Protests gilt als einzigartig in Deutschland.“

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