Brandschutz S21

Nachfolgend wiederum ein Schreiben von Hrn. Müller ab den Vorstandsvorsitzenden der DB AG Herrn Dr. Lutz:

Sehr geehrter Herr Dr. Lutz,
Herr Herbert Neidhöfer von der Abteilung Zentraler Kundendialog der DB AG hat mir freundlicherweise einige Antworten zum ICE-Brand vom 12. Oktober 2018 gesendet.
Allerdings werfen diese Angaben bei mir neue Fragen zum Brandschutz bei Stuttgart 21 auf.
So soll bei Stuttgart 21 im Brandfall die Evakuierung der Reisenden aus dem Tiefbahnhof in ca. 20 Minuten abgeschlossen sein. Das haben Sachverständige der DB, wie zum Beispiel Klaus-Jürgen Bieger berechnet, der ja auch versichert hat, dass ICE’s aufgrund ihrer Bauweise nicht brennen können.
Abgesehen davon, dass unabhängige Brandsachverständige, wie Dipl. Ing. Hans-Joachim Keim, der Chefgutachter des schweren Unglücks in Kaprun (Österreich) mit 155 Todesopfern, Brandoberamtsrat a. D. Johannes Frank und Frau Dr. Kathrin Grewolls vom Ingenieurbüro für Brandschutz  Ulm / Chemnitz, bei ihren Berechnungen zu ganz anderen Ergebnissen gekommen sind, sieht auch die Realität ganz anders aus.
So wurde zum Beispiel der ICE-Brand bei Montabaur gegen 6:30 Uhr entdeckt und gemeldet.
Entgegen aller Vorschriften, wonach der Zug vor der Evakuierung zuerst zu erden ist, begann man sofort mit der Evakuierung der Reisenden. Der für die Erdung zuständige Notfallmanager erreichte die Unfallstelle erst 7:06 Uhr, also nach 36 Minuten. Eigentlich sollte er laut Vorgabe spätestens nach 20 Minuten vor Ort sein. Allerdings wird diese Zeit wohl so gut wie nie erreicht. Selbst als im Stuttgarter Hauptbahnhof drei mal hintereinander ein IC entgleiste und die Oberleitung und mehrere Masten beschädigte, dauerte es in einem Fall fast 2 Stunden, bis der Notfallmanager erschien und die Leitungen und den Zug erden konnte.
Aber zurück nach Montabaur: Dort war die Evakuierung nach 35 Minuten beendet und alle Reisenden und das Bahnpersonal in Sicherheit. Zu dem Zeitpunkt lief die Erdung des Zuges noch. Erst 7:30 Uhr, also eine ganze Stunde nach Ausbruch des Feuers war die Erdung abgeschlossen und die Feuerwehr konnte mit den schwierigen Löscharbeiten beginnen.
Nun lag die Unfallstelle gücklicherweise auf freier Strecke und nicht im Tunnel.
Und dennoch dauerte die Evakuierung deutlich länger, als die Experten der Bahn für Stuttgart 21 mit seinen zu schmalen, zu steilen, zu niedrigen und nicht rauchfreien Fluchtwegen berechnet haben. Außerdem handelte es sich bei der Evakuierungszeit von 35 Minuten nur um das Verlassen des Zuges. Im Stuttgarter Tiefbahnhof oder in den Tunneln käme dann noch die Zeit für die Flucht aus dem Bahnhof bzw. aus der betroffenen Tunnelröhre hinzu, im ungünstigsten Fall also noch ein Weg von bis zu 500 Metern.
Weiterhin prahlen die Vertreter der Deutschen Bahn damit, dass die mit einer eigentlich unzulässigen Gleisneigung von über 1,5% gebaute Haltestelle 49 Züge in der Spitzenstunde abfertigen könne („Stresstest“). Beim Brandschutz macht man aber dann eine schnelle Kehrtwende und geht nur noch von 32 Zügen pro Stunde aus.
Diese Art zu rechnen ist nicht nur falsch, sondern zeugt von krimineller Energie. Es geht schließlich nicht nur um materielle Werte, sondern vor allem um Menschenleben.
Da ist es schon einleuchtend, dass die DB ihre Rettungskonzepte für S21 unter Verschluss hält.
Bei uns gibt es dazu ein Sprichwort: „Heimlichkeiten – Schlechtigkeiten!“
Und dann gibt es auch noch andere Probleme: Der Beton für die Kelchstützen soll nach Angaben des Herstellers Godel Temperaturen von bis zu 1200°C aushalten. Bei den ICE-Bränden in Montabaur und Offenbach (2001) traten aber Temperaturen von mehr als 2000°C auf. Sollte also ein ICE im Stuttgarter Tiefbahnhof brennen, wäre der Beton in der Umgebung des Brandherdes höchstwahrscheinlich nicht mehr tragfähig. Je nach Ausmaß des Feuers müssten dann also eine oder mehrere der tragenden Kelchstützen ersetzt werden. Nun bin ich zwar kein Fachmann aber ich kann mir vorstellen, dass das Jahre dauern würde. Stuttgart wäre dann über lange Zeit vom Bahnverkehr abgeschnitten.
Außerdem könnte ich mir vorstellen, dass die zuständigen Behörden den Weiterbetrieb des Tunnelbahnhofs nicht mehr genehmigen würden.
Ich könnte an dieser Stelle noch viele weitere Argumente dafür bringen, dass das Brandschutzkonzept der DB AG für S21 untauglich ist.
Genauere Angaben von Fachleuten zum Brandschutz bei Stuttgart 21 werden am 12.12.2018 vor der Aufsichtsratssitzung an Herrn Stauss übergeben. Ich kann nur hoffen, dass alle Vorstände, Aufsichtsräte und sonstige Verantwortliche für Stuttgart 21 diese Unterlagen aufmerksam lesen und ihr Tun und Handeln gewissenhaft überdenken.
Zum derzeitigen Stand der Planungen für Stuttgart 21 fällt mir nicht nur zum Brandschutz ein altes Sprichwort aus DDR-Zeiten ein. Darin hieß es: „Marx ist die Theorie, Murks ist die Praxis“.
Mit freundlichen Grüßen
Peter Müller

 

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