Was wir aus Stuttgart21 gelernt haben…

Aus einem offen Brief an die verantwortlichen (http://www.parkschuetzer.de/statements/153625)

Offener Brief an die zurzeit dafür verantwortlichen Politiker: Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer, Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Bundeswirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler, Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Finanzminister Dr. Nils Schmid (per Brief).
Zur Kenntnis auch an Verkehrsminister Winfried Hermann, Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart Fritz Kuhn, Bundespräsident Joachim Gauck (per Brief).
Per E-Mail an alle MdL Baden-Württemberg sowie an die Presse

Stuttgart, 22.3.2013

Sehr geehrte Damen und Herren,
nachdem ich mich bei Ihnen so oft beklagt habe über STUTTGART 21 und die negativen Folgen, die es vor allem für die Stadt Stuttgart bringt, will ich heute doch nicht unterschlagen, dass ich – und vermutlich viele andere Bürger ebenso – auch sehr viel dabei gelernt habe. Dafür möchte ich mich bei Ihnen allen herzlich bedanken, denn es geschieht nicht oft, dass man quasi am lebenden Objekt Einsichten erlangt, die einem sonst vielleicht entgangen wären! Meine Erkenntnisse sind folgende:

• Ich habe begriffen, dass Wahrheit, Vernunft und Sachargumente nicht nur nicht zählen, sondern konsequent ausgebremst werden, wenn es um höhere Werte wie Ehre und Eitelkeiten der Politiker geht.
• Ich habe begriffen, dass die Interessen unserer Wirtschaft allemal wichtiger sind als die Eide, die unsere Politiker zum Wohle des deutschen Volkes geleistet haben.
• Ich habe begriffen, dass explodierende Kosten bei Wunschgroßprojekten peanuts sind, während bei anderen Themen wie Bildung, Soziales, Arbeitsmarkt… jeder Cent zählt.
• Ich habe begriffen, dass geologische Risiken, ein zeitgemäßer und umfassender Brandschutz, der Schutz des Mineralwassers und Barrierefreiheit für uns alle weniger bedeuten als der wirtschaftliche Nutzen für einige wenige.
• Ich habe begriffen, dass eine schlechte und unvollständige Planung, eine undurchsichtige und fehlerhafte Kalkulation und ein Kommunikationsdesaster ohne Transparenz und Offenheit jeden Arbeitnehmer zwar seinen Job kosten können, dies alles aber bei bundesregierungsgestützten Projekten keine Rolle spielt.
• Ich habe begriffen, dass Moral und Ethik, Wahrheit und Ehrlichkeit offensichtlich längst veraltete Tugenden sind, denn unsere Vorbilder an der sog. Spitze der Gesellschaft halten sich schon lange nicht mehr daran. Das wird die Kindererziehung in Zukunft einfacher machen!
• Ich habe begriffen, dass konstruktive Kritik sowie der persönliche und ehrenamtliche Einsatz der Bürger in ihrer Freizeit bei sinnentleerten Großprojekten nicht gewünscht werden.
• Ich habe begriffen, dass die Berechnungen und anschließenden Veröffentlichungen des Bundesrechnungshofes nur für die Schublade sind, denn nicht einmal die direkt Betroffenen (so z.B. Herr Grube im Februar 2010) wissen davon, interessieren sich dafür oder ziehen irgendwelche Konsequenzen daraus.
• Ich habe begriffen, dass Leistungsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit und Nutzen für den Bürger (z.B. auch im Schienenverkehr) nur leere Worte sind, denn kein Politiker interessiert sich dafür, wenn er irgendetwas durchsetzen will.
• Ich habe begriffen, dass Untersuchungen und Expertisen von Fachleuten gegenstandslos sind, wenn sich Politiker einmal auf etwas festgelegt haben.
• Ich habe begriffen, dass euphemistische Bezeichnungen wie „negative Kapitalverzinsung“ für „neue Schulden machen“ einfach besser klingen. Auch darf man wohl ab sofort die Wahrheit, z.B. im neuen Armutsbericht, jederzeit verfälschen, denn „Die Ungleichheit der Einkommen nimmt derzeit ab“ klingt ja auch viel besser als „Die Einkommensspreizung hat zugenommen“.
• Ich habe begriffen, dass es heutzutage wohl besser ist, ein Problem bzw. ein Versagen nicht mehr zuzugeben, sondern so lange wie möglich zu negieren. Allerdings könnte ein weiteres Hinauszögern des Eingestehens des offensichtlichen Scheiterns von STUTTGART 21 zu noch viel drastischeren Folgen führen, denn dann wird das Ausland nicht nur begriffen haben, dass dieses Projekt einfach 10 Nummern zu groß war für Deutschland und die Deutsche Bahn, sondern dass Deutschland auch (wieder einmal) an grandioser Selbstüberschätzung leidet.
• Ich habe begriffen, dass man mit dem Geld der Bürger (auch Steuern genannt) machen kann, was man will – auch ein Projekt für Milliarden von Euros an die Wand fahren.
• Ich habe begriffen, dass der Bahnhof einer mittelgroßen Stadt von „gesamtstaatlichem Interesse“ ist und dass dieser die „Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ sichert. Leider befürchte ich, dass es – so, wie die Dinge liegen – mit der Zukunftsfähigkeit der Deutschen Bahn nicht mehr weit her ist, denn ein Rückbau der Schiene ist weder vernünftig noch zukunftsfähig!
• Ich habe endlich den Sinn von „Nach mir die Sintflut!“ verstanden!
Kleiner Tipp: Jetzt müssen Sie sich nur noch die passenden Bürger für all das suchen!
Mit freundlichen Grüßen

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